Dialäkt-Schriibwiis

1938 erschien das Buch von Prof. Eugen Dieth (*18.11.1893;
24.05.1956) Schwyzertütschi Dialäktschrift. Zitat Wikipedia: «Nach dieser als Dieth-Schrift bekannten Orthographie gilt, dass Wörter so geschrieben werden, wie man sie hört, ohne Rücksicht auf das gewohnte Schriftbild der Schriftsprache. Da es sich um eine vereinheitlichte Lautschrift handelt, können mit ihr die Besonderheiten und Lautunterschiede der alemannischen Dialekte wiedergegeben werden.» Für Laute ausserhalb des Alphabets wurden anstelle von phonetischen Zeichen Akzente eingeführt: «è» für helles «ä» (Mèèrli); «ì» für offenes «i» (mììr); «ȫ» für offenes «ö» (brȫȫtle); «ǖ» für offenes «ü» (tǖǖr [dürr]).

Soweit, so gut. Das Problem, das ich damit allerdings habe: Was macht ein Berner, Basler oder Thurgauer, der laut vorlesen will und zwangsläufig in seiner eigenen Dialekt-Lautung spricht, mit einem Text, bei dem ausdrücklich eine zürichdeutsche Lautung vorgegeben ist, z.B. Chèès ässe? Weil er nicht wie die Zürcher zwei verschiedene «ä» kennt, wird er den Text gar nicht lesen können, bzw. die zwei Wörtchen gar nicht aussprechen können. Würde es jedoch Chääs ässe heissen, könnte ein Zürcher automatisch erst ein helles und dann ein dunkles «ä» von sich geben, währenddem der Berner die Vokale zweimal dunkel und der Thurgauer zweimal hell aussprechen würde. Dem Basler wäre noch immer nicht voll gedient, weil ihm noch erklärt werden müsste, dass mit Chääs eigentlich Gghääs gemeint ist.

Was ich anstrebe,
ist eine Schreibweise, die für die Deutschschweizer Dialekte fast so etwas wäre wie das Rumantsch Grischun für die rätoromanischen Idiome. Ich sage fast, weil es hier nicht darum geht, neue, für alle gültige Kompromiss-Kunstwörter zu kreieren. Wenn Wäje steht, dann müssen dies alle akzeptieren und – mit unterschiedlichem Akzent – so aussprechen und nicht geltend machen, so ein Kuchen heisse Wèèje, Wääje, Flade oder Tünne oder was auch immer. Aber es müsste doch möglich sein, eine schweizerdeutsche Schreibweise, eine geschriebene Sprache zu handhaben, die dann in allen vorkommenden Idiom-Klangfarben ausgesprochen werden könnte. Dies ist beim Chèès eben nicht der Fall, hingegen bei Chääs viel eher, weil das Auge dank «ä» an «Käse» erinnert wird.

Die Schwierigkeit dabei ist,
dass es ohne minimale Regeln nicht geht. Auch wenn es nur für meine eigenen Bedürfnisse ist, brauche ich gewisse Leitlinien, damit ich mich einigermassen an etwas halten kann. Es besteht nämlich die Gefahr, je nach Wind- und Wetterlage das gleiche schweizerdeutsche Wort bei nächster Gelegenheit wieder spontan anders darzustellen. Und ich gebe es zu: Ich erwische mich immer wieder beim Verletzen meiner eigenen Regeln.

Phonetisch möchte ich es also nicht, sonst würde es automatisch zu einem bestimmten Dialekt. Allerdings lässt es sich nicht vermeiden, dass einem Text aufgrund des Vokabulars anzusehen ist, was für eine Dialekt-Muttersprache der Autor offenbar hat. Mit Zürichdeutsch als Ausgangslage ist man dabei wahrscheinlich noch gut bedient, als einigermassen mittlerer Wert zwischen Ostschweiz, Basel und Bern. Der Wortschatz soll (in meinem Fall) ruhig dem Zürichdeutschen entsprechen. Die geforderte überregionale Gültigkeit darf keineswegs zu einem Dialekt-Mischmasch (Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt) führen.

Nachstehend nun Überlegungen und Vorschläge als Versuch, solche Leitlinien für meine zürich-deutsche Schreibe aufzustellen. Eine Schreibweise für Texte, die jedermann nach seiner eigenen Diktion aussprechen darf.

Meine (wankenden) Grundsätze

  • Schreiben und Lesen sind antrainierte Fertigkeiten; für Deutschssprachige auf der Basis des geschriebenen Standarddeutschen. Flüssiges Lesen hat damit zu tun, dass man Wörter spontan an einem Schriftbild erkennt. Für leichte Lesbarkeit und um flüssig schreiben zu können, soll deshalb die Schreibweise meines Schweizerdeutsch nah bei der gewohnten schriftsprachlichen Schreibung liegen. (Wenn man etwas sehr gewohnt ist, fällt man ja ohnehin leicht immer wieder in dieses Gewohnte zurück.) Das Auge soll etwas Bekanntes wiedererkennen.
  • Die meisten Dialekt-Wörter sind irgendwie – mehr oder weniger – mit dem entsprechenden Begriff der Standardsprache verwandt. So kann vieles übernommen werden.
  • Lange gehaltene Vokale schreibt man in Dieth-Schreibweise konsequent doppelt (nicht Dehnungs-h und nicht ie). Ich behandle sie hingegen möglichst gleich wie in der Schriftsprache. «ie» wird zwar im Dialekt oft nur als kurzes «i» gesprochen. Nieder oder nider? Manchmal hilft das «ie» zur Klärung, z.B. bei wieder und wider. Der Artikel «die» wird aber zu di. Ich lasse mir also beide Optionen offen: Bei «sibe Minute lang Sand siebe» ist dies ein Vorteil. (Ich komme weiter unten beim Problem «S» oder «Sch» mit es Schpiel schpile nochmals darauf zurück.)
    Bei Partizipien richte ich mich nach dem Infinitiv: ggnoh und ggnah von nehmen, also mit h. Achtung: „Er läuft ihr nach; es ist ja nah“: Er lauft ere naa; es isch ja nȫȫch. Das „nah“ mit h von „Nähe“ gibt es nicht auf Züritüütsch. Es heisst dort nȫȫch. Also auch naadisnaa und er gaht öppisem naa (von „nach“, nicht von „nah“).
    Bei einfach geschriebenen, aber lange gesprochenen Vokalen (Trompete, Rakete) nehme ich mir die Freiheit, unter Umständen Trumpeete oder Rageete zu schreiben. Oder dann benütze ich die Verdoppelung, um die Betonung anzugeben: Es isch eso schön, drum macht me s esoo. Das isch ebe daas.
  • Ich belasse die Diphthonge (au, äu, ei, eu) dort, wo sie gleich ausgesprochen werden, wie in der Schriftsprache und schreibe nicht «es hüener-äi» oder «nöii chläider». Mein Hüener-Ei macht niemandem Probleme. Östlich der Reuss sprechen dies alle als «äi» aus, westlich der Reuss als «eï», und alle sind zufrieden. Die wenigen Probanden, denen ich «nöii chläider» und daneben «neui Chleider» vorgelegt habe, haben sich spontan für das zweite entschieden. Aber: «s Mäitli hät gsäit», wegen «Mädchen» und «sagen».
  • Wenn die Aussprache anders ist: Ob «Pfeil» besser Pfiil oder Pfyl heisst, wäre mir eigentlich wurst. Das doppelte i entspricht aber dem schriftdeutschen Diphthong besser. Folglich auch Tüüfel und Huus für das «eu» und das «au». So komme ich auch für obigen Titel zum ii in der Schriibwiis (und nicht Schrybwys).
    Wenn das hochdeutsche «ei» zu einem kurzen «i» wird (wie z.B. bei «seit» oder «schweigen», lasse ich es beim einfachen Vokal bewenden: Sie schwiged sit zwee Tääg.Die besitzanzeigenden «mein, dein, sein» könnten aber auch bei kurz gesprochenem «i»zu miin, miini, miis; bzw. diin, diini, diis und siin. siini, siis werden. Wies halt aus den Fingern läuft.
  • Wegen meinem Zürcher-Ei (und nicht äi) muss ich dann halt oft zu den Trema-Punkten greifen: De Haferbreï seïg heiss, heïg de Freïhof-Beizer gsäit.

Aber zum Trema (das man z.B. von «Aïda» kennt) habe ich ohnehin noch ein anderes Anliegen: Diese Tremas verwende ich also für die vielen Schwas, die auf die Vokale «i» und «u» folgen und von diesen getrennt gesprochen werden. Nach «ü» verzichte ich, da keine Verwechslungsgefahr besteht. Me muës müese i d Büecher luëge.

Die Tremas sind das Auffälligste an meiner Theorie, und werden auch am vehementesten abgelehnt. Dies nur schon deshalb, weil es beim Tastatur-Schreiben eine Verkomplizierung ist. Allgemein wird das Schwa ganz einfach als «e» geschrieben, das es ja auch ist. Weshalb mache ich mir also diese Mühe?
Es gaht ië und uë (ine und ufe)? Dank der Trema-Punkte merkt auch ein teutonischer, des Alemannischen unkundiger Leser, dass bei diesem ië kein «ie» und bei uë kein «ü» gemeint ist.

Dass die Nordlichter trotzdem weiterhin «Grüüzi» und «Birchermüüsli» sagen, lässt sich also nicht vermeiden. Immerhin: Das Dieth’sche bequèème paar schue würde von meinem Freund aus Hannover unweigerlich als Schüü ausgesprochen. Da lob ich mir es bequems Paar Schuëh, anprobiert in aller Ruëh.
Das «h», das wir uns vom Schriftbild der «Schuhe» und der «Ruhe» so gewohnt sind, betrachte ich zwar als fakultativ. Aber es liest sich doch gut; oder nicht?

  • Möglichst nah beim gewohnten Schriftbild, aber dennoch an die mundartliche Aussprache angepasst? Oft ein Dilemma!
    Wenn es fast gleich tönt, entscheide ich mich meistens für die gewohnte Schreibweise. Man kann so Begriffe besser unterscheiden, die gleich ausgesprochen werden, aber etwas anderes bedeuten:
    Ich bin sicher, dass das daas isch. Oder:
    Wië gahts Ihne? Ihne heisst doch etwas anderes als ine (hinein). Gaht Ihne das nöd ine? Der Unterschied in der Lautung ist eigentlich offenes und geschlossenes «i», weshalb die Dieth-Schrift wieder mit Akzenten («ì») operiert und schreibt: gaat ìne das nöd ine. Trotz des kurzen «i» bevorzuge ich zur Unterscheidung das von der Schriftsprache her gewohnte Dehnungs-h und erkenne den Sinn des Wortes schneller. Auch als Personalpronomen verwende ich für alle Formen er, ihn (en), ihm (em), sie, ihre (ere). Sind Sie sicher, dass sie ihri Tochter isch?
    «…, das si iri …» verstehe/erkenne ich hingegen nicht auf Anhieb.
    Ich unterscheide für das deutsche «wie» zwischen wi und wië: Wi gahts Ihne? oder wië gahts Ihne? Beides kommt im mündlichen Ausdruck vor, wobei wië die Art und Weise mehr betont.
    Wivil, wivill oder auch wieviel, das – zugegeben – eigentlich besser schnell erkannt würde? ‑ Einerlei. Die Aussprache mit den zwei kurzen «i» ist eben doch sehr verschieden. Meist schreibe ich vil für «viel» und will für «weil». Also: wivil.
  • Hingegen benütze ich eventuell die Dieth-Akzente, z.B. wenn es mir wichtig scheint, dass «ì», «ȫ» oder «ǖ» offen ausgesprochen werden sollen (Di tǖǖre Bire ghöred mììr. / Me ghört en mȫȫgge: Das git dänn e schön tüüri Tǖre [nach einer Auto-Kollision]).
    Auch:
    Wir und mir = mir und mììr. Mir gönd zu mììr hei.
  • Sport über Stock und Stei spricht man auch auf Standarddeutsch mit «sch» aus. Prof. Dieth empfiehlt deshalb, es in diesen Fällen beim «sp/st» zu belassen, aber dies nur am Wortanfang. Und nach einer Vorsilbe oder in einer Zusammensetzung? Radsport/Radschport? Schiitstock/Schiit­schtock?
    Manchmal ist die Abweichung zum deutschen Pendant und die Veränderung des Schriftbilds grösser. «Spiel» und Schpiel geht noch gut. Bei «spielen» kommen aber in der Dialektaussprache schon zwei Unterschiede zusammen: Nebst «s/sch» auch noch das kurze «i» anstelle des «ie». Spile ist meines Erachtens nicht erkennbar. Dann eben schpile. Zum Biispiel es Spiel schpile. Und in der dritten Person also: Er schpilt. Aber läse sich nicht besser er schpielt? Ziemlich vertrackt!
    Andere Dialektschreiber empfehlen deshalb, konsequent «sch» zu verwenden. Im Zweifel sicher eine gute Lösung. Meine Devise: Solches nicht zu akademisch sehen. Eher meistens «sch» schreiben. Und wenn beim flüssigen Dahinschreiben spontan Stadt oder Stern oder stampfe und verstüüre herauskommt, dieses gut sein lassen. In meinen alten Texten steht oft «sp/st». Später habe ich zu konsequentem «sch» gewechselt.
  • Die Fortifizierung für die Vorsilbe «ge-» schreibe ich als Doppel-g oder Doppel-b:
    Vor Partizipien von Verben, die im Infinitiv mit «g» anlauten, ergibt sich dies von selbst: gegangen/ggange, gegossen/ggosse.
    Vor Anlaut«b»: gebadet/bbadet, gebetet/bbättet, geblieben/bblibe, geblutet/bblüetet, gebracht/bbracht, gebrannt/bbrännt, gebunden/bbunde.
    Bei Verben, die im Infinitiv mit einem Vokal beginnen, ist das Doppel-g für das Partizip ebenfalls am Platz: geachtet/ggachtet, geächtet/ggächtet, geerbt/ggerbt, geübt/ggüebt.

    Folgt auf ein «g», bzw. «ge-» jedoch ein anderer Konsonant, so höre ich die Fortifizierung nicht immer. Es fällt mir aber auf, dass es sie nur bei jenen «Ge»-Wörtern gibt, wenn nach der der Dialekt-Vorsilbe «g» die Konsonanten l, n oder r folgen. (Ist es Zufall, dass es ausser Gl, Gn und Gr, wie z.B. Glaube, Gnom und Griff, im Standarddeutschen Wortschatz keine anderen Kombinationen mit G + Konsonant gibt?) Also: gglaubt, ggnoh, ggriffe.
    Deshalb ist das doppelte «g» bei den häufigen ghaa und gsii und vielen anderen nicht nötig (gmacht, gsäit, gsunge, gschüttlet, sowie Gsundheit, gsund, Gwalt, gwaltig, gwüsst usw.).


    Vor
    dem «d» gibt es dafür eine andere Fortifizierung anstelle der Vorsilbe «ge-»: ich ha ddänkt, s hät mi ddunkt. Ich erkenne die so geschriebenen Wörter besser als tänkt und tunkt. Es sei denn, es habe jemand d Möcke in Kafi tunkt.

    Auch bei der Vorsilbe «be-» wird oft das «e» unterschlagen und dafür das «b»verstärkt: Aber auch hier nicht bei bsorge oder bsunders.
    Das Vorsilben-Problem ist nicht zu verwechseln mit den Fällen, wo das B wirklich zu P wird: Pürschtli, bisch du Puur vo Pruëf? Ich glaube, das könne man noch gut lesen. Vielleicht wäre aber es Biër besser als es Piër.

  • Die Dieth‘sche Kleinschreibung wäre mir zwar im Grunde genommen sympathisch, auch in der geschriebenen Standardsprache. Solange ich aber immer wieder automatisch in die Grossbuchstaben zurückfalle, lasse ich es beim Gewohnten.
  • Geschlossenes betontes «e» und offenes kurzes «e»; das Schwa, sowie «ä» und «è/èè»
    Beim geschlossenen und offenen «e» ist eine Unterscheidung der Schreibweise unnötig, weil der deutschkundige Leser das Problem von der Standard-Schriftsprache her mühelos beherrscht: Er spricht die verschiedenen «e» in «erlebenswertes Erdbeben» (bühnendeutsch) oder aber «erlebenswertes Erdbeben» (Schweizerhochdeutsch) automatisch richtig aus. So kann man sich auch im Dialekt daran halten, beide «e» – analog zur Schriftsprache – gleich zu schreiben. Es ist garantiert bedeutend leichter lesbar als alle denkbaren Varianten.
  • Sicher falsch (und ein eigentliches Ärgernis) ist das so oft gesehene «ä» für den Schwundvokal ə am Wortende, das sogenannte «Schwa», ein bis zum Murmellaut abgeschwächtes «e», und so sieht man dann allenthalben z.B. «Ladä am Eggä». So spricht doch kein Mensch! (Die Urner mögen mir verzei­hen; ihr Dialekt ist mir sehr sympathisch, obwohl ihr Schwa tatsächlich fast wie ein «ä» tönt.) Aber zurück zum Schwa: Dieses ist wirklich auch nur ein «e», wenn auch ein sehr gedämpftes. Ein Problem sollte aber mit dem oben Gesagten nun eigentlich nicht mehr bestehen. Alle Arten von «e» schreiben sich mit dem gleichen Zeichen. Es heisst in allen schweizerdeutschen Dialekten Lade am Egge.
  • «e»-Wörter: Die Versuchung, vom «e» abzurücken, ist auch sonst noch vielfältig: bequem, Erde, Fehler, fertig, gern, Herbscht, Stern, uusleere, wer, wem, sind für mich alles «e»-Wörter und ich schreibe sie frei nach dem oben Gesagten mit «e», also z.B. Fehler. Da sie aber zwischen Rorschach und Tafers in allen möglichen Schattierungen von «e» bis zu ganz offenem «ä» ausgesprochen werden, sieht man auch verschiedene Schreibweisen. Einem Berner würde ich problemlos zugestehen, dass er Fähler Für die Zürcher hat Prof. E. Dieth den fèèler erfunden. Für mich ist es jedoch ein «e»-Wort und bleibt somit ein Fehler.
  • «ä»-Wörter (in Schriftsprache mit «ä» geschriebene Wörter): Diese werden auf Hochdeutsch, sowie in der Ostschweiz mit hellem «ä» gesprochen: ähnlich, Chääs, Ggräät, März, zääch, usw. Für mich ein guter Grund, beim «ä» zu bleiben. Für die Berner ohnehin die einzige Option.
    Für die Zürcher ist dies ein Problem, weil sie nämlich zwei verschiedene «ä» unterscheiden müssen: das offene in Änderig oder mächtig und das erwähnte helle in Chääs. Die Dieth-Schrift übernimmt für den hellen Chääs natürlich wieder das è/èè, weil der Vokal gleich tönt wie beim fèèler. Aber eben: es Märli, es Bärli, z churzi Äärm, das heisst «ä»-Wörter, die aussehen, wie wir es gewohnt sind, sie zu lesen und die ja immer noch jeder aussprechen kann wie ihm der Schnabel gewachsen ist, gefallen mir besser als mèèrli, bèèrli und èèrm. Ich finde es auch logischer, hier den Stammvokal «ä» oder «a» beizubehalten.
  • Ein Problemfall ist im Zürichdeutschen der Konjunktiv von «haben» in der 3. Pers. sing. Im Unterschied zum Indikativ Präs. «er hät» (mit offenem «ä») lautet der Konjunktiv «er hètt» mit hellem «ä». Wenn ich hier ebenfalls «ä» schreibe, um das «è» zu vermeiden, so sehen «hät» und «hätt» fast gleich aus, obwohl sie verschieden auszusprechen wären. Glücklicherweise kommt daneben regional auch noch «er hett (hetti)» vor, was keine Probleme stellt, und ich kann mich in diese Variante flüchten. Auch es wär/ es wäri ist vielleicht ein Grenzfall.
  • Ausnahmen bestätigen die Regel
    Bläch-Wörter: Dies wären eigentlich «e»-Wörter. Aber auf dem erwähnten Weg vom Bodensee zur Saane werden sie schon in Elgg zu einem offenen Berner-«ä». Auch als Zürcher schreibe ich sie deshalb mit «ä»: Bläch, ässe, Bäse (ev. auch Bese!), Chäller, äxtra, frässe, gääl, Gägend/Gäged (hier auch Gegend/Geged), Gägeteil, Gält, käne (gäll du kännsch mi nöd), Läbe, Läbere, Mähl, Mässer, Näbel, rächt, schlächt, Sämf, schträng, Wäg, (auch Wääg), wächsle, Wält, Wätter, wiit ewägg (auch ewääg oder ewègg) und viele andere.
  • In Ausdrücken, wo sowohl das helle wie das dunkle «ä» vorkommen (Märzefläcke, Brätbläch, Näbelchräje), haben Zürcher manchmal Mühe, das Wort auf Anhieb richtig auszusprechen. Hier könnte Prof. Dieth mit Mèèrzefläcke, Brèètbläch und Näbelchrèèje vielleicht helfen, Stolpersteine zu verhindern.
  • Umgekehrt gibt es auch mit «ä» Geschriebenes, das Züritüütsch mit geschlossenem «e» gesprochen und von mir deshalb auch so geschrieben wird: Aus Gräsern und Blättern werden Greser und Bletter.
  • Und dann halt auch noch jene Fälle, bei denen ich allein nicht weiter weiss: Wie soll ich «Hart im Nehmen und im Geben» schreiben? Meine Berner-Seele sagt ganz einfach: Hert (ein «a»-Wort mit «e»???) im Näh und im Gää. Als Zürcher kann ich dank Prof. E. Dieth ausnahmsweise seine Erfindung benutzen: Hèrt im Nèè (Neh) und im Gèè oder abgewandelt hoffentli häts em nüt ggèè. Auch «dieser dort» geht mit dää deet nur auf Berndeutsch. Für den Zürcher bleibt nur dèè deet. Und bei Regenwetter rette ich mich an den Schèèrme, weil ich für diesen trockenen Unterstand kein schriftdeutsches Wort kenne. Weitere Fälle, die ohne E. Dieth hoffnungslos wären, wurden weiter oben schon unter «Akzente» abgehandelt; z.B. schpȫȫter; (oder vielleicht schpôôter?/schpòòter?/ schpṏṏter?); sowie frȫȫge, Gschprȫȫch, gschpǖǖre, usw. Und dies an einem Montag. Montag??? Mentig? Mäntig? In Gottes Namen halt Mèntig.
  • Substantiv und unbestimmter Artikel im Dativ:
    emene Maa, enere Frau, emene Chind.
    Dazu gibt es auch eine kürzere Form: eme, ere, eme. Viktor Schobinger sagt, diese werde vor allem nach Präpositionen gebraucht. Dabei mache ich noch folgende Unterscheidung:
    Endet die Dialekt-Präposition mit einem Vokal, wird ein Bindungs-n oder-m benötigt. Dann verschmelzen Präposition und emene, ere, emene zu amene, inere, vomene.
    Endet die Dialekt-Präposition hingegen mit einem Konsonanten, so ist keine zusätzliche Bindung nötig. Dann schreibe ich getrennt: mit eme Schmunzle, uf ere Wältreis.
  • Das Bindungs-n:
    In der flüssigen Sprache verwendet man vor Vokalen generell ein Bindungs-n. Geschrieben würde mich dies fürs flüssige Lesen aber stören, weshalb ich es wenn immer möglich vermeide; d.h., dort wo es denkbar ist, dass man beim Sprechen absetzen würde anstatt zu binden, lasse ich es weg. Manchmal ist es aber unerlässlich, wie z.B. im letzten Abschnitt (vo eme Chind geht gar nicht).

Weise Mundart-Schreiber haben schon festgehalten, dass es wichtiger sei, überhaupt in Mundart zu schreiben und deshalb ruhig drauflos zu schreiben, anstatt sich um oberlehrerhafte Regeln zu kümmern. Deshalb wiederhole ich hier mein Hauptanliegen: Man soll es flüssig lesen (die Wörter leicht erkennen) können und man soll es in seinem gegebenen Dialekt aussprechen können.

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hA/29.10.2019/22.02.2021/06.08.2021/28.10.2023

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