In den Gesellschaftsspalten fallen mir in letzter Zeit die Stilberater auf. Sie nennen sich selber so. Man denkt dabei unwillkürlich an Benimmregeln, wie Suppe Schlürfen usw. und an den Begriff «Knigge». Bei Knigge handelt es sich um Adolph Freiherr Knigge, der mir sogleich sympathisch wurde, als ich mich im Internet über ihn zu informieren suchte.
Er habe nämlich eine Aufklärungsschrift über Taktgefühl und Höflichkeit im Umgang mit Menschen geschrieben. Erst nach seinem Tod habe der Verlag das Werk von sich aus noch um Benimmregeln erweitert, weshalb es seit Jahr und Tag als Benimmbuch missverstanden werde. In späteren Zeiten seien jeweils hauptsächlich noch Kleiderregeln hinzugekommen oder zum Beispiel so Wichtigkeiten, wie man beim Tischgedeck Rot- und Weissweingläser nebeneinander arrangiert.
Sieht man heutzutage bei den Autobahn-Ein- und -Ausfahrten den Abfall, den die Menschen aus dem fahrenden Auto werfen, werden Kleider- und Gläserregeln lächerlich.
Die neuen selbsternannten Stilberater bringen es fertig, seit einiger Zeit immer wieder dieselben hirnrissigen Nebensächlichkeiten als wichtige Lebensführungs-Richtlinien aufzulisten. Dabei kaprizieren sie sich auf die Herrenmode, weil die – abgesehen von Reversbreiten und Hosenaufschlägen – statisch genug ist, dass man bleibende Regeln aufstellen kann. Meine Favoriten bei den als Unmöglichkeiten verurteilten Sitten sind die Verbote von Kurzarmhemden unter der Anzug-Jacke (soll das dabei immer gelesene «Veston» eigentlich französisch sein oder was?) und Kurzarmhemden (ohne Tschoppen) mit Kravatte, ein Tenue, das sich sommers als äusserst beliebt etabliert hat. Auch rund um die aussterbenden Kravatten gibt es einen Renner bei den Todsünden. Nicht etwa die vielfach unmöglichen Versuche für einen Selbstbinderknoten und auch nicht die Modelle Gerber-Chäsli oder Znünisack. Nein, die Länge des guten Stücks sagt etwas aus darüber, ob der Träger gesellschaftlich überhaupt ernst genommen werden kann oder nicht: die Spitze muss die Gürtelschnalle küssen. Nicht darüber baumeln und auch ja nicht in den Hosenbund gestossen. Es reicht nicht, dass die Modebranche es fertig bringt, durch Variieren der Kravatten-Breite im Dreijahres-Turnus jedermann blosszustellen, der seine farblich assortierte Sammlung noch nicht wieder ersetzt hat.
Also wie gesagt, es hat eigentlich nichts mit Herrn Knigge zu tun. Der von ihm geförderte Anstand ist inzwischen in den Hintergrund verdrängt und durch die «Musts» an Stil oder Lifestyle ersetzt worden. Hoffentlich schauen Ihre Manschetten unter den Jackenärmeln hervor, sonst wäre es mir kaum recht, dass Sie zu meinen Lesern zählen.





