Es war ein Fernsehabend wie meistens. Er war beim Zappen in einem Film aus den Fünfzigerjahren hängen geblieben, einer Mantel-und-Degen-Geschichte, die im Frankreich des späten 17. Jahrhunderts spielte.
Ein Reiter preschte durch das Stadttor, ein vornehm gekleideter Adeliger mit schmucker Feder auf dem
ausladenden Barett. Auf dem Hauptplatz angelangt, hielt er sein Pferd brüsk an. Das Pferd bäumte sich kurz auf und die paar Bürgersleute, die sich zwischen den Marktständen aufhielten sprangen erschreckt zur Seite und wichen der Staubwolke aus. «Du da«, herrschte der Reiter nun einen Bauern an. «Wo geht es hier zur Herberge zum Vollen Krug?» Der Bauer trat scheu zu dem Pferd hinzu, drehte verlegen sein Käpplein in den Händen und gab untertänigst Auskunft.
Er zappte weiter. Eigentlich schon krass, wie sich die Klassenunterschiede vor erst noch nur gut 200 Jahren zeigten. Einerseits die hohe Zeit der Galanterie und andererseits machten das Reittier, Kleidung und Adelstitel soviel Status-Unterschied aus, dass von oben nach unten auch nur der mindeste Anstand vermieden wurde.
Anderntags war er etwas spät unterwegs zur Arbeit. Es regnete in Strömen und auf den paar hundert Metern, die er zu Fuss auf dem Trottoir zu gehen hatte, versuchte er, den Spritzern der vorüberfahrenden Autos auszuweichen. Plötzlich hielt ein Wagen auf seiner Höhe an. Die Scheibe auf der Mitfahrerseite war heruntergelassen und der Fahrer beugte sich so gut es ging zum offenen Fenster hin.
«Wo finde ich hier das Hotel Schwanen?» rief ihm der Fahrer zu. Er zog seinen Hut etwas tiefer in die Stirn und schlug den Kragen d
es Trenchcoats hoch, während er sich die paar Schritte unter dem Vordach eines Ladens hervor zum Auto hin begab und dem Fahrer den Weg beschrieb: «Sie könnten den Wagen da vorne rechts parkieren. Zu Fuss wäre es gleich die nächste links. Man sieht den Schwanen von der Kreuzung aus zirka 80 Meter weiter hinten. Wegen des Abbiegeverbots müssen sie sonst geradeaus weiter bis zum Lichtsignal, dann zweimal links.»
Mittlerweile war er schon recht durchnässt. Hinter dem anhaltenden Auto staute sich eine Kolonne. Wegen des Gegenverkehrs konnte nicht überholt werden. Er fühlte sich noch irgendwie schuldig an der Huperei, die nun einsetzte.
«Ja also, merci», vernahm man den Autofahrer noch halb, denn die elektrische Scheibe war schon wieder hochgefahren. Die Portion Gas zum rasanten Wegfahren hüllte ihn gerade noch in eine bläulich-graue Dunstwolke und es stank erheblich. «Aha, Diesel ohne Filter» dachte er und verzog sich schnell wieder unter das Vordach des Ladens, wo er versuchte, das Wasser von Hut und Mantel zu schütteln.
Beim Weitergehen kam er ins Studieren. Dass er so durchnässt war, ärgerte ihn nun eigentlich. Unweigerlich erinnerte er sich an den Film mit dem Reiter vom Vorabend. Diese Art, aus dem Auto heraus nach dem Weg zu fragen, wird praktiziert, seit es Autos gibt und ist allgemein üblich. Irgendwie muss sich ein Gehorsams-Virus aus dem Mittelalter in den Gehirnen der Menschen eingenistet haben, das uns blöd macht und nicht einmal mehr merken lässt, dass die Unsitte mit gebührendem Anstand nicht vereinbar ist. «In Zukunft spreche ich nicht mehr mit Autos. Wenn ich selbst jemanden um Auskunft bitten muss, parkiere ich das Auto, steige aus und spreche den Passanten auf Augenhöhe an», nahm er sich vor, als er die Treppe zu seinem Büro hoch stieg.





